Schwarze Bretter

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(Bild: © LucasArts)

Schwarze Bretter sind was Tolles. Ihre Nutzung kostet nichts, sie werden in der Regel nicht inhaltlich kontrolliert und gewähren den Nutzern relative Anonymität. Eigentlich genau wie das Internet, und genau wie im Internet ziehen die günstigen Rahmenbedingungen eine bunte Schar Perverser, Klemmis und Wirrköpfe an, die sich auf diesen schwarzen Brettern verweigen. Im Internet aber wird es solchen Botschaften immer ein Stück weit an Authentizität fehlen – ein simpler, in Browser-Schriftart gehaltener Text kann in dieser Hinsicht niemals mithalten mit der stofflichen Präsenz eines von einem schwarzen Brett abgepflückten Dokuments sexueller Obsession, sozialer Degeneration oder schlichter Idiotie. Seit Jahren überfliege ich deswegen jeden öffentlichen Aushang und jede Flugblattauslage, an der ich vorbeikomme und archiviere die seelenvernichtendsten Beutestücke für die Nachwelt. Hier nun eine kleine Auswahl. Weiterlesen

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Zeichen von Gott – Gerhard R. und das Brandenburger Nazitor – Teil 2

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Fassen wir die Flugblattanalyse aus dem ersten Teil dieses Textes mal zusammen: Gerhard R. aus Worms ist nach eigener Auffassung ein gläubiger Christ, für den die Existenz von Gott und Teufel ausgemachte Sache ist. Er geht davon aus, dass sich hinter den Kulissen der sichtbaren Welt metaphysische Weltkriege abspielen, je nach Tagesform zwei bis neun gleichzeitig. Er glaubt, dass Holocaust und zweiter Weltkrieg nicht hinreichend gesühnt wurden, und dass uns deswegen im Jahr 2000 der Zorn Gottes und damit der Weltuntergang ins Haus steht (das Flugblatt stammt, wie gesagt, aus den 90er Jahren). Die einzige Möglichkeit, aus der Nummer glimpflich herauszukommen wäre die Zerstörung des Brandenburger Tors, das für ihn symbolisch aufgeladen ist, weil die Nazis es in den 30er Jahren für ihre Selbstinszenierungen instrumentalisierten. Wer dem Brandenburger Tor unkritisch begegnet, bete demnach automatisch den Teufel an. In der Praxis bedeutet dieser Glaube für Gerhard R., dass er Nationalismus verachtet, Nazis und Helmut Kohl hasst und die Absetzung des Papstes fordert. Es gibt unsympathischere Wahnsinnige.

Let's webdesign as if it was 1995!

Ich habe dann irgendwann mal im Netz nach einigen der einprägsam seltsamen Phrasen aus seinem Flugblatt gesucht. „Jesus Christus ein Diamant“ z.B. ist grundsätzlich anscheinend keine Erfiindung von Herrn R.., die allegorische Deutung des Diamanten gibt es vielmehr schon im Christentum der Antike. Der Diamant, der von nichts geschnitten wird, aber seinerseits alles schneidet, wird da benutzt als Bild für Jesus Christus, der über alle richtet, seinerseits aber von niemandem gerichtet wird (ob diese theologische Tradition jetzt aber Herrn R.s restliche Ansichten plausibler macht, möge jeder für sich entscheiden). Außerdem stößt man beim Recherchieren momentan zum einen auf einen Foreneintrag, dem zufolge Herr R. noch bis mindestens März letzten Jahres aktiv war und seine Flugblätter verteilt hat. Und zum anderen und zuvorderst ist da das hier: www.zeichen-von-gott.de. Halali… Weiterlesen

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Zeichen von Gott – Gerhard R. und das Brandenburger Nazitor – Teil 1

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Vor einigen Jahren wurde mir die Kopie eines Flugblatts zugespielt, das vermutlich aus der zweiten Hälfte der Neunziger stammt:

Das kann doch nur gut werden, oder? Weiterlesen

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Who you gonna call?
Frau M. und die Geister aus dem Cyberspace
- Teil 2 -

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Kurzer Überblick für alle Zuspätgekommenen: Frau M. wohnt in meiner Nachbarschaft. Sie ist offenbar schizophren und hat sich im September 2005 mittels eines Rundschreibens ihrem Umfeld mitgeteilt. Frau M. fühlt sich, wenn ich ihren Brief richtig verstanden habe, verfolgt von einem gut organisierten Konglomerat aus Kirchenvertretern, Alkoholikern und BWL-Studenten, die mittels modernster Technik Geistererscheinungen in ihre Wohnung projizieren. Damit nicht genug, diese Leute “filmen sich so in den Cyberspace ein” (O-Ton M.), dass sie in der Lage sind, durch die Wände von Frau M.s Wohnung zu gehen und sie damit trotz verschlossener Türen jederzeit überwachen können (Unklar bleibt, wozu diese Überwachung eigentlich dienen soll oder was Frau M. für die finsteren Gesellen so interessant macht). Das zumindest war der Stand der Dinge im Jahr 2005.

In einer lauen Sommernacht im Jahr darauf stand ich auf meinem Balkon, als die nachbarschaftliche Luft erzitterte von wütendem, unartikulierten Gebrüll einer Frauenstimme. Was genau geschrien wurde, habe ich nicht verstehen können, ich habe aber den Verdacht, dass da jemand seine Pillen nicht genommen hat und dann für gut eine Stunde in den eigenen vier Wänden auf Gespensterjagd gegangen ist.

Danach war es erst einmal lange ruhig um Frau M., aber dann, ungefähr anderthalb Jahre nach ihrem ersten Brief schickt sie im Mai 2007 ein zweites Rundschreiben auf die Reise. Wollen wir doch mal sehen, was sie in der Zwischenzeit so getrieben hat und wie es ihr mittlerweile geht (am rechten Rand fehlen wegen der schräg kopierten Vorlage hin und wieder ein paar Zeichen): Weiterlesen

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Schräge Vögel

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Ich sammle seit zig Jahren allerlei Zettel, Briefe, Flyer, Webseiten, Aushänge und hastdunichtgesehen. All diesen Dokumenten gemein ist, dass sie von Leuten stammen, deren Wahrnehmung völlig inkongruent zu der meinen ist (und vermutlich auch zu der der meisten anderen Menschen). Mit anderen Worten: die Verfasser sind allesamt übergeschnappt. Manche sind es nur in homöopathischen Dosen, halt ein kleines bisschen seltsam, andere dagegen sind rundheraus wahnsinnig und stellen eine Gefahr für sich und andere dar.

Wann ich mit der Sammelei angefangen habe, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich aber daran, dass ich so um 2001 herum in einem Uni-Seminar saß. In der Reihe vor mir saß ein Typ mit blonden Minipli-Locken, Kinnbart und Brille. Ich hatte den Kerl noch nie zuvor gesehen, aber plötzlich drehte der sich zu mir um, und zischte mir zu, dass wir beide auch gerne mal rausgehen könnten, um das (was immer “das” auch sein sollte) in einer zünftigen Prügelei zu klären. Es war ihm todernst. Ich musste daraufhin mitten im Seminar einen Lachanfall unterdrücken (die Situation war einfach zu grotesk), bis ich dann gesehen habe, dass der besagte Typ die ganze Zeit auf seinem Schreibblock gekritzelt hatte – die Seite war voller hundertprozent naturalistisch gemalter Automatikpistolen, inklusive präziser Modellbezeichnungen. Plötzlich hatte die Angelegenheit irgendwie schon noch ein, mit Verlaub, anderes Kaliber. Ich habe meinen Beinahe-Gegner danach zwar nie wieder gesehen, aber spätestens da war mir klar, dass vermutlich (und grob geschätzt) zehn Prozent der Menschheit geistesgestört sein müssen. Anders ließ sich nicht erklären, dass mir mit schöner Regelmäßigkeit solche Freaks über den Weg  liefen.

Viele dieser schrägen Vögel legen großen Wert darauf, dass man sich langfristig mit ihnen auseinandersetzt und fixieren ihre fixen Ideen deswegen in schriftlicher Form, und so habe ich über die Jahre hinweg einen ganzen Ordner mit gedruckten Gedankengängen grenzwertiger Natur füllen können. Ich hatte schon ewig mal vor, den Stapel für die Öffentlichkeit aufzubereiten. Das ganze soll eine Artikelserie werden – Jeden Freitag gibt’s was Neues. Die Übersicht findet ihr künftig oben in der Navigationsleiste. Grade eben online gestellt habe ich den ersten Teil meiner Erlebnisse mit einer schreibfreudigen Nachbarin, die in einer ganz eigenen Welt zwischen gotischem Horror und Science Fiction lebt: Who You Gonna Call? – Frau M. und die Geisternebel aus dem Cyberspace.

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Who you gonna call?
Frau M. und die Geister aus dem Cyberspace
- Teil 1 -

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Irgendwann 2004: Ich wohne noch nicht so lange in meiner neuen Wohnung, als eines Tages eine vielleicht 50jährige Frau, offenbar eine Nachbarin, bei mir klingelt. Der Abfluss ihres Waschbeckens sei kaputt, und ob ich eventuell eine Rohrzange hätte. Habe ich tatsächlich und hole sie aus dem Bad, um sie der Dame in einem Anfall nachbarschaftlicher Hilfsbereitschaft in die Hand drücken zu wollen. Die aber sagt, sie könne damit nicht umgehen. Könnte ich ihr nicht eventuell helfen? Im Glauben, das wäre in fünf Minuten erledigt, sage ich zu und frage sie noch, in welchem Stock sie wohnt. Antwort: „Oh, nicht hier im Haus, aber es ist ganz in der Nähe.“ Ich ziehe mein Angebot höflich zurück und verschwinde samt meiner Rohrzange wieder in meiner Wohnung, denn entweder, so schließe ich, ist die Frau gar nicht erst auf die Idee gekommen, im eigenen Haus zu fragen, oder sie hat einen guten Grund anzunehmen, dass niemand dort ihr freiwillig helfen würde. Ich speichere das Gesicht daraufhin ab als „entweder verrückt oder potentiell gefährlich.“ Was ich noch nicht weiß: das war meine erste von zwei Begegnungen mit Frau M.. Ich habe eben diese Begegnung schon fast wieder vergessen, als ich im September des folgenden Jahres ein fotokopiertes Schreiben in meinem Briefkasten finde, von dem ich ausgehen muss, dass nicht nur ich es bekommen habe, sondern sämtliche Haushalte in der näheren Umgebung von Frau M.s Wohnstätte. Und dieses Schreiben ist ein ganz erstaunliches (Ich habe nichts verändert oder umgestellt – aus dem Scan gekürzt habe ich nur einen Absatz, in dem Frau M. einige persönliche Informationen preisgibt. Namen und Adressen habe ich geschwärzt):

Whoawhoawhoa, nicht so schnell! Wer schikaniert mich, und wieso weiß ich nichts davon? Was ist das für ein „Personal“? Akademiker? Juristen? Erst mal weiterlesen: Weiterlesen

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