Wenzel Storch trägt auf dieser Photographie einen bunten Anzug.
Wenzel Storch ist ein Filmemacher (und Autor), dessen Werk seit jeher von einem viel zu kleinen Publikum verehrt und bewundert wird. Das erklärt sich nicht nur, aber auch aus dem Umstand, dass man zum Bewundern lange das Glück haben musste, einer der Kinoaufführungen beizuwohnen, die es hier und dort über die Republik verstreut gab und gibt (zum Beispiel auch immer mal wieder bei uns). Oder man besaß eines der längst vergriffenen VHS-Tapes der Filme, denn auf DVD war die schmal bemessene Filmographie (gerade mal drei Leinwandspektakel an der Zahl) nicht erhältlich. Vor ein paar Wochen erschien dann endlich, nach jahrelanger Ankündigung, Sommer der Liebe, der Mittelteil der nach Wenzels Lieblingshauptdarsteller benannten Filmtrilogie. Nachdem vor zwei Jahren bereits Die Reise ins Glück veröffentlicht wurde, erwarte ich den ersten Teil, Der Glanz dieser Tage, um das Jahr 2013 herum. Da ich aber zu den beiden verfügbaren Teilen schon Besprechungen geschrieben habe und so lange dann doch nicht warten möchte, kommt hier schon mal der aktuelle Text zu Sommer der Liebe, erstveröffentlicht auf DVD-Heimat.de: Weiterlesen
Das Folgende ist eine Besprechung von „Das Geheimnis der Zauberpilze“, einem Homemade-Streifen, der bei mir um die Ecke gedreht wurde. Auf Herz und Nieren verrissen habe ich den Film letztes Jahr für Badmovies.de, wo der Text auch seit Jahr und Tag online ist. Dass ich diese Geschichte jetzt wieder aufwärme, hat einen Grund:
Diese Flyer lagen letzte Woche in Bochum aus. „VoFiFe“, ist, wie ich aus erster Hand weiß, eine Abkürzung für „Vorfinanzierungsfete“, und wer etwas genauer hinsieht, liest auch, wofür die gut sein soll: „Zur Finanzierung unseres nächsten Films “Der Fluch der Zauberpilze”.“
Falls die Straßenlage es zulässt, werde ich da am Samstag aufschlagen und möchte alle in der Nähe wohnenden Leser bitten, es mir gleichzutun. Und das sage ich als derjenige, der den ersten Teil der Zauberpilz-Saga achtkantig zerfetzt hat. Die beiden unter dem Namen P.s.y.c.h..o.-Productions firmierenden Jungs ziehen ihre Projekte durch, geben sich Mühe und sind, so ich meinen damaligen Email-Verkehr im Vorfeld dieser Besprechung richtig interpretiere, sympathische Zeitgenossen, und das sollte man honorieren. Mal davon abgesehen, dass der nächste Film nur besser werden kann. Außerdem haben sich die Beiden, nachdem der Badmovies-Beitrag online ging, tatsächlich bei mir für die Kritik bedankt. Das hätte ich nicht unbedingt erwartet, denn nett war ich nicht zu ihnen: Weiterlesen
Vor zwei Jahren inszenierte David Cronenberg in Paris die Opernversion von The Fly. Am vergangenen Montag sendete arte ohne so wirklichen Anlass eine einstündige Dokumentation zum Thema:
Was mir immerhin Anlass gibt, meine Besprechung von damals wieder rauszukramen. Ich saß bei der Uraufführung im Juli 2008 im Publikum; die erste ungeschliffene Fanboy-Fassung meiner Kritik erschien kurz nach der Premiere auf Englisch bei Aintitcool.com und später in der vorliegenden Version bei Weirdfiction.de. Genauso wie die Oper eigentlich nur was für Leute ist, die den Film kennen (und deswegen seinerzeit beim Standard-Opernpublikum auch nicht überragend ankam), empfiehlt sich auch für meinen Text entsprechende Vorkenntnis, nicht nur, weil ich die Handlung darin als bekannt voraussetze und den Film spoiler wie ein GTI-Treffen in Castrop-Rauxel, sondern weil diese psychotronische Bühnen-Seltsamkeit es erzwingt, dass man sie ständig mit dem Film vergleicht.
Heil dem Fleisch!
Musical-Verfilmungen erfreuen sich seit dem Aufkommen des Tonfilms steter Beliebtheit, und auch der umgekehrte Weg, von den Studios in Hollywood auf die Bühnen des Broadways, ist mittlerweile keine Seltenheit mehr, ja sogar ein reges Hin und Her spielt sich gelegentlich zwischen amerikanischer Ost- und Westküste ab. Man denke nur an The Producers, Little Shop Of Horrors oder Reefer Madness, die alle zunächst als Filme existierten, dann für die Bühne adaptiert wurden und schließlich wieder nach Hollywood gelangten. Anders sah es bislang mit der eher europäisch verwurzelten Kunst der Oper aus. Opern wurden zwar durchaus verfilmt, aber auf die Reise von den USA nach Europa hatte sich, man möge mich korrigieren, bislang kein Stoff begeben – David Cronenbergs Die Fliege von 1986 dürfte der erste Film sein, der in eine Oper verwandelt wurde. Bedenkt man, dass Cronenbergs Filme in aller Regel selbst von Verwandlungen psychischer oder physischer Natur handeln (oder von beidem), so ist dieser Umstand genauso stimmig wie der, dass The Fly – The Opera ihre Premiere Anfang Juli 2008 ausgerechnet in einer europäischen Metropole feierte.
Die Oper jedoch einfach Cronenberg zuzuschreiben ist nicht ganz unkritisch. Zwar führt er Regie, angekündigt wird das Werk jedoch als eines von seinem Stammkomponisten Howard Shore, das Libretto wiederum stammt von David Hwang (der mit Cronenberg schon bei M Butterfly zusammengearbeitet hat). Ähnliches sagen ließe sich allerdings über jeden Film Cronenbergs, der seit Jahren mit dem immer gleichen Team arbeitet und viele weitere seiner Stamm-Mitarbeiter ebenfalls in die Produktion der Oper eingebunden hat. Etwas vorsichtiger formuliert, vermittelt die Pariser Fliege auch in den Passagen, in denen sie deutlich vom Plot der Filmvorlage abweicht, treffend die Atmosphäre eines David Cronenberg – Films.
Und die Abweichungen sind zahlreich, was sich schon an der Struktur ablesen lässt: Die Oper ist in zwei Akte unterteilt, jeweils etwa eine Stunde lang, mit einer Pause direkt nachdem sich der Wissenschaftler Seth Brundle zum ersten Mal teleportiert hat und unwissentlich mit einer Stubenfliege verschmolzen ist. Akt eins umfasst damit nur etwa 30 Minuten des Films, während im zweiten Akt eine Stunde Oper einer Stunde Film entspricht. Das, schon jetzt einmal vorweg, schlägt sich im Tempo nieder; während sich die erste Stunde eher getragen entwickelt, springt das Stück im zweiten Teil nur so durch die Handlung. Weiterlesen
Ein Arzt, der auf seine Station ausschließlich mit hoffnungslosen Fällen zu tun hat, hat sich jede Empathie abgewöhnt. Das macht ihn zwar effektiver im Beruf, legt aber sein Privatleben in Trümmer. Dann kommt es zu einem tragischen Ereignis, das ihn zum Wunderheiler macht. Gut geschriebenes und überzeugend gespieltes Fantasy-Drama, vielschichtig und intelligent.
Shank
In fünf Jahren ist Großbritannien so weit heruntergewirtschaftet, dass Nahrungsmittel die wertvollste Beute Londoner Jugendbanden geworden sind. Bei einer Beschaffungsmaßnahme stirbt ein Gangmitglied durch die Mitglieder einer anderen Gruppe. Seine Freunde wollen Rache. Der Film schlingert unentschlossen zwischen Action und Milieustudie. Die Action ist nicht weiter erwähnenswert, das Milieu ist schon insofern nicht glaubwürdig, als dass die Figuren cartoonartig stilisiert werden. Sie tragen Namen wie aus einem Mad Max – Film und lassen sich problemlos auf jeweils eine Eigenschaft herunterbrechen; auch so etwas wie Elternhäuser oder Schulen scheint es nicht zu geben. Ebenso unwahrscheinlich mutet die Schilderung des London des Jahres 2015 als postapokalyptischer Raubritterrummelplatz an. Shank verwendet viel Zeit und eine nervöse Videoclip-Schnitttechnik darauf, dieses trotz schwer zu beurteilender Bezüge zur realen Situation unterprivilegierter Jugendlicher fiktive soziale Umfeld seiner Protagonisten zu schildern, ergeht sich dabei aber in sinnlosen Schlenkern und vernachlässigt seine Geschichte. Auch nimmt der Film keine Distanz zu den harten Posen der Hauptfiguren ein und wirkt deswegen in seinen besten Momenten zwar ungefiltert und im Rahmen der genannten Vorbehalte überzeugend, vermittelt in seinen schlimmsten Passagen aber den Eindruck eines dümmlichen Gangsterrap-Videos. Zu letzterem passt auch, dass erst in der letzten halben Stunde weibliche Figuren mit Sprechrollen auftauchen, diese aber auch nicht mehr zu tun haben als Partnerinnen für die Jungen zu sein.
La Casa Muda / The Silent House
(Hinweis: die Untertitel der 35mm-Kopie des Festivals laufen streckenweise massiv asynchron, zudem hatte die Vorführung in Berlin mit zahllosen Tonaussetzern zu kämpfen. Wer den Film auf dem Festival sehen möchte, sollte vorher erfragen, ob die unproblematische Digitalversion gespielt wird.)
Eine junge Frau betritt mit ihrem Vater ein leerstehendes Haus. Mehr sollte man zum Inhalt im Vorfeld nicht wissen. Niedrig budgetierter Horrorfilm aus Uruguay, der mit wenigen Dialogen und ohne einen einzigen sichtbaren Schnitt auskommt. Clever konstruiert, handwerklich beeindruckend und streckenweise verflucht spannend.
Rubber
Die erklärtermaßen sinnlose Geschichte eines mörderischen Autoreifens mit psychokinetischen Fähigkeiten, die gleichzeitig von einer Gruppe von Zuschauern beobachtet und kommentiert wird. Verschrobener, surreal-komischer Metafilm, der sich in seiner Absurdität gelegentlich etwas zu sehr gefällt und mit seinem postmodernen Ansatz eigentlich mindestens zehn Jahre zu spät kommt. Nichtsdestotrotz sehr amüsant.
Ein Polizist tritt seinen Dienst in der australischen Kleinstadt Red Hill an, just als ein aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochener Sträfling auftaucht, der in der Stadt eine offene Rechnung zu begleichen hat. Souveräner, spannender Western in modernem Gewand. Die Ineffektivität des Helden wie auch die Unfähigkeit der Stadtbewohner, den Ausbrecher zu verwunden, erklären sich aus den Regeln des Genres.
Chatroom
Teenager mit psychischen Macken treffen sich in einem Chatroom. Sie merken nicht, dass der soziopathe Webmaster sie geschickt manipuliert. Das Gimmick des Films ist die simple, aber geniale Idee, das Internet als eine surreale Parallelwelt zu illustrieren, in der Passwörter an Türen eingegeben werden müssen, alte Säcke sich in Schulmädchen verwandeln und ein Chatroom auch wirklich ein Raum ist. Leider belässt der Film es bei den genannten Phänomenen, und ignoriert ansonsten weitgehend die Möglichkeiten, die die Internetkultur bei dieser Inszenierung hergegeben hätte. Stattdessen nutzt Chatroom das Internet für seine Erzählung, ohne es zum Hauptdarsteller zu machen. Das ist sicher die vernünftigere Entscheidung, aber gleichzeitig wird dabei ein gewaltiges Potential verschenkt, zumal die Geschichte nicht so mitreißend ist, dass man dieser digitalisierten Breakfast Club – Variante bedingungslos folgen wollte (Im Übrigen ist auch die Art der Internet-Darstellung nur im Kino neu – die Futurama-Episode A Biclops Built for Two aus dem Jahr 2000 (!) nimmt ausnahmslos jede visuelle Idee des Films vorweg) .
Dossier K.
Durch einen Mord in Antwerpen, der zu Blutrache unter verfeindeten Unterwelt-Clans führt, kommt ein Polizist unsauberen Methoden in den eigenen Reihen auf die Spur. Dann gerät auch er in den Sog der Gewaltspirale. Ordentlicher Krimi, der allerdings erst nach einer Stunde in Fahrt kommt. Spielt in einer Welt, in der Albaner ausnahmslos miteinander verwandt, kriminell und einem primitiven Ehrenkodex verpflichtet sind.
Outrage
Ränkespiele in der japanischen Unterwelt. Uninteressantes, unübersichtliches Yakuza-Gemetzel mit der für Takeshi Kitano typischen Mischung aus langsamer Erzählweise, extrem brutalen Einsprengseln und seltsamen Anflügen von Humor. Fügt weder dem Genre, noch dem Werk Kitanos irgendetwas Neues hinzu.
Amer
Inhaltlich kaum zufriedenzustellend zusammenzufassen, ist der experimentelle, beinahe dialogfreie Film teils psychoanalytische Charakterstudie, teils surreales Horrorkino. Auf der Bildebene bedient sich Amer auf perfekte Weise bei den Mitteln des italienischen Genrefilms der 60er und 70er Jahre, auf der Tonspur erklingen bekannte Titel aus der Soundtrack-Bibliothek der einschlägigen Genreklassiker. Für Fans von Regisseuren wie Dario Argento und Mario Bava sowieso Pflichtprogramm, aber auch für alle Anderen ein bemerkenswertes Stück psychedelisches Kino.
The Reef
Eine Gruppe von Touristen erleidet Schiffbruch im Meer vor Australien. Obwohl die See in dieser Gegend reich an Haien ist, versuchen vier von ihnen schwimmend das Festland zu erreichen. Wenn sie auch mal schwimmen würden, anstatt ihre Zeit mit ängstlichem Auf-der-Stelle-Paddeln zu verbringen, könnte das sogar klappen. Öder Tierfilm, an dem einzig bemerkenswert ist, dass die Macher dieses Konzept, das eigentlich nur für eine einzige, kurze Spannungsszene reicht, durch elendig vorhersehbare, nach dem immer gleichen Muster ablaufenden Sequenzen auf Spielfilmlänge strecken.
Als sein Sohn ermordet wird, mutiert dessen Vater zu einem Cyborg und nimmt Rache am Mörder. Bis zur völligen Abstraktion reduzierte Monster-Action, die beinahe durchgängig mit Wackelkamera, rasend schnellen Schnitten und aggressivem Sounddesign erzählt wird. Ein autistisch anmutender, filmischer Amoklauf, durch dessen videoclipartiges Stakkato es unmöglich nachzuvollziehen ist, was gerade auf der Leinwand geschieht. Positiv hervorzuheben ist der treibende Industrial-Soundtrack (Nine Inch Nails und Andere):
Metropia
Im Jahr 2024 sind die U-Bahnen Europas miteinander vernetzt. Ein Mann hört plötzlich Stimmen in seinem Kopf, steigt in die unterirdischen Tunnel hinab und kommt einer großangelegten Verschwörung auf die Spur. Es können eigentlich nur Budget-Beschränkungen gewesen sein, die die Macher dazu bewegt haben, aus dem Stoff einen Animationsfilm zu machen. Visuell jedenfalls bietet Metropia nichts, was diese Entscheidung rechtfertigen würde, er wäre auch mit realen Schauspielern problemlos zu erzählen. Im Gegenteil behindert die abgehackte Animation den Film sogar, weil die maskenhaften Gesichter der Figuren (die in ihrer Gestalt an die Marionetten der britischen Serie Thunderbirds erinnern) keine Emotionen vermitteln und die thematisch eigentlich sehr interessante Geschichte dadurch leblos bleibt.
The Scouting Book for Boys
David und Emily wachsen zusammen an der britischen Küste auf. Die Teenager sind wie Geschwister zueinander, doch dann verliebt sich David insgeheim in Emily. Als diese von zuhause ausreißt, sich versteckt und von David heimlich versorgt wird, erfährt der Junge Dinge über seine Freundin, die das Verhältnis der Beiden in Frage stellen. Das gut gespielte Drama leistet sich in den letzten zwanzig Minuten eine unglaubwürdige Wendung, die auch beim wiederholten Durchdenken nicht durch das gerechtfertigt werden kann, was zuvor erzählt wurde, und die auf einen Schlag den ganzen Film in den Sand setzt.
Reykjavik Whale Watching Massacre
Touristen geraten auf Island während einer Bootstour in Seenot und von dort aus an eine mörderische Familie ehemaliger Walfänger. Exploitativer, offenbar komisch gemeinter Splatter-Volltrash, der hauptsächlich fassungsloses Kopfschütteln verursacht. Ein Werk, das man sich erst im späteren Verlauf eines Filmabends geben sollte, wenn sowieso schon alles egal ist, das in diesem Kontext (und nur in diesem) aber seltsame Unterhaltung bereiten könnte.
Bonus: Videokurzkritiken
Am Sonntag hatte Torsten Dewi (Wortvogel.de) noch zwischen zwei Filmen, nach einer sehr kurzen Nacht und vor laufender Kamera meine Meinung zu einigen Filmen eingeholt, die er selbst verpasst hatte. Anders als ich sieht sich Torsten vernünftigerweise nur ein paar ausgewählte Sachen an und hat deswegen die Kapazitäten, diese dann auch ausführlicher und medial aufbereitet zu besprechen; auf seiner Seite gibt es noch reichlich Stoff dieser Art. Ich selbst hatte meine Kritiken im Kopf schon formuliert, deswegen rede ich trotz geistigem Dämmerzustand zumindest keinen kompletten Blödsinn, aber auch nichts wesentlich Anderes als das, was ich dann später zu Hause geschrieben habe:
Liebesfilm in einer Welt, in der ein am Handgelenk implantierter Timer dem Träger den exakten Zeitpunkt mitteilt, an dem er seine große, einzige Liebe treffen wird. Nur: Was macht man, wenn dieser Zeitpunkt zig Jahre in der Zukunft liegt? Was, wenn der Timer gar nicht erst anspringt, weil das Seelenpartner-Gegenstück sich keinen hat implantieren lassen? Und was passiert, wenn man sich in jemanden verliebt, der Timer aber zweifelsfrei sagt, dass es nicht der oder die Richtige ist? TiMER spielt glaubwürdig und auf sehr kurzweilige Weise alle Möglichkeiten durch, die sich aus diesem Szenario ergeben. Die hübsche, kleine Komödie denkt die Versprechungen von Partneragenturen und Dating-Websites weiter und geht dabei der Frage nach, ob und wie Liebe in einer emotional verunsicherten Gesellschaft noch möglich sein kann.
Ghost Machine
Ein futuristisches Virtual Reality – Spiel gerät außer Kontrolle, als ein Geist in das Computersystem eindringt und die Spieler umbringt. Unlogischer Scifi-Horror, der daran scheitert, das Computersystem (dessen Funktion immerhin die Basis des Films bildet) nachvollziehbar zu erklären, der sein Gespenst allmächtig macht, wodurch die Handlung vollkommen beliebig wird, und der nicht einmal Spannung erzeugen kann, da er mit der Auflösung beginnt und erst dann erklärt, was eigentlich das Geheimnis gewesen wäre.
Zwart Water / Two Eyes Staring
Nach dem Tod ihrer Mutter zieht eine Frau zusammen mit Mann und Tochter in das geerbte Haus. Bald erscheint der Tochter der Geist eines kleinen Mädchens. Gut gemachter, psychologisch motivierter Geisterfilm, der nicht so vorhersehbar ist, wie es zunächst den Anschein hat. Einige Längen im letzten Viertel beschädigen nicht den positiven Gesamteindruck.
Suck
Eine erfolglose Rockband gewinnt erst Fans, als die Bassistin in einen Vampir verwandelt wird. Amüsante Komödie, die den Vampirismus als Allegorie für den Mythos vom Rock’n’Roll-Lebensgefühl benutzt. Die meisten Gags sitzen, durch Cameo-Auftritte von Henry Rollins, Iggy Pop, Alice Cooper und Moby ist für gute Unterhaltung gesorgt. Dazu gibt es einen amtlichen Soundtrack.
Devil’s Playground
In London bricht eine Seuche aus, die die Infizierten in rennende, springende und brüllende Zombies verwandelt. Eine Handvoll Überlebender versucht die Stadt zu verlassen, unter ihnen eine Frau, deren Immunsystem die Basis für ein Gegenmittel sein könnte. Schlecht geschriebene Figuren in einer überflüssigen 28 Days Later – Variante nach Schema F, der man ihr für die erzählte Geschichte zu geringes Budget deutlich ansieht. Vereinzelte harte Splattereffekte rechtfertigen nicht anderthalb Stunden tödlicher Langeweile.
Higanjima
Ein Teenager reist mit seinen Freunden zu einer abgelegenen Insel, um seinem verschollenen Bruder beizustehen, der dort gegen eine Vampirplage kämpft. Splatternder Actionfilm, der nach sehr starkem Beginn genauso stark abfällt und über eine Stunde lang durchhängt, weil er mit dem Potential seiner Figuren nichts anzufangen weiß. Das wieder actionreiche Finale enttäuscht mit miesen CGI-Effekten und mäßig inszenierten Schwertkämpfen, und beleidigt den Zuschauer am Ende mit dem, was die Macher für eine Pointe halten.
Einem Soldaten aus Liang (Jackie Chan), der als einziger eine Schlacht überlebt, weil er sich tot gestellt hat, fällt ein gegnerischer General in die Hände. Er beschließt, den Gefangenen dem Herrscher von Liang auszuliefern, um so Freiheit und Wohlstand zu erlangen – doch der Weg ist weit, und die Soldaten des Generals dicht hinter ihnen. Im alten China zur Zeit der sieben Reiche spielende Geschichte, die sowohl als Komödie wie auch als humanistischer und bitterer Antikriegsfilm funktioniert. In der Choreographie der Actionszenen blitzt gelegentlich noch das Genie des alternden Jackie Chan auf.
Djinns / Stranded
(Hinweis: Der Film läuft, entgegen den Angaben im Programmheft, nicht 90, sondern etwa 105 Minuten)
Eine Patrouille im Algerienkrieg soll einen bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste verlorengegangenen Koffer mit wichtigem Inhalt wiederbeschaffen. Die Soldaten finden Zuflucht in einem Wüstendorf, in dem die titelgebenden übernatürlichen Wesen sie langsam in den Wahnsinn treiben. Nach spannendem Beginn implodiert der Film bald nach der Ankunft der Patrouille im Dorf, zum einen aufgrund seiner Handlungsarmut, zum anderen weil er die Djinns ohne jeden Sense of Wonder inszeniert.
The Wild Hunt
Eine Live-Action-Rollenspielveranstaltung läuft aus dem Ruder, als ein Außenstehender in die Gemeinschaft der Kostümierten eindringt, um seine Freundin zurückzugewinnen, und so die Grenzen zwischen Spiel und Realität verwischt. In der ersten Hälfte eine Komödie, die ihren Humor aus dem gut getroffenen, peinlichen Getue der Rollenspieler schöpft, wird der Film nach der Halbzeit zu einem knüppelharten, abgründigen Thriller, der seine Geschichte perfekt und ohne jede Gnade gegenüber Figuren oder Zuschauern zu Ende führt. Dass The Wild Hunt eigentlich wenig glaubwürdig ist, weil Liverollenspieler in der Realität meist gänzlich harmlose und umgängliche Spinner sind, verdrängt man dank der exzellenten filmischen Umsetzung problemlos.
Tucker & Dale vs. Evil
Die beiden Freunde Tucker und Dale wollen eigentlich nur ein paar Tage Urlaub in ihrer neu erworbenen Blockhütte machen, als ein Rudel blasierter College Kids auftaucht. Durch eine Verkettung von Missverständnissen glauben die Teenager bald, die eigentlich harmlosen Hillbillies wären psychopatische Kettensägenmörder und erklären den beiden den Krieg. In der Theorie eine Slasher-Variante unter umgekehrten Vorzeichen, die sich aus dem Hinterwäldler-Zitatenschatz seit Texas Chainsaw Massacre bedient, in der Praxis eine brüllend komische Slapstick-Splatterkomödie mit zwei liebenswerten Hauptfiguren.
Ip Man 2
Bald nach den Ereignissen aus dem ersten Teil lässt sich Wing Chun – Meister Ip Man mit seiner Familie in Hongkong nieder und eröffnet eine Kampfsportschule – sehr zum Missfallen der anderen Lehrer der Stadt, allen voran Meister Hung (Sammo Hung). Nostalgie befeuerndes Martial Arts – Fest, das in Punkto Dramatik nicht ganz an den ersten Teil heranreicht; das allerdings ist Mäkeln auf hohem Niveau, der Film ist pralles Entertainment mit großartigen Kampfszenen und einem einmal mehr glänzenden Donnie Yen. Die nationalistischen Untertöne des Vorgängers wurden etwas zurückgeschraubt; waren in Ip Man noch die Japaner die dämonischen Bösen, so wird diese Rolle hier von den britischen Kolonialherren ausgefüllt. Die aber sind, so vermittelt der Film gönnerhaft, wenigstens lernfähig. Offensichtlich nimmt man in Hongkong bei der Besetzung von Weißen immer noch jeden, dessen man habhaft werden kann, die Engländer jedenfalls sind hier allesamt Knallchargen. Auch das immerhin eine liebgewonnene Tradition des Hongkongkinos.
The Human Centipede (First Sequence)
Die Geschichte eines geistesgestörten deutschen Chirurgen, der aus drei zufälligen Opfern einen menschlichen Tausendfüßler erschaffen will. Nachdem The Human Centipede im Internet monatelang umfassende Mundpropaganda genossen hat, die sich im wesentlichen darauf kaprizierte, dass darin Leute mit den Mündern an anderer Leute Arschlöcher genäht werden, dürfte klar sein, dass man nicht zwangsläufig ein Qualitätsprodukt erwarten sollte. Die völlig schwachsinnige Prämisse korrespondiert denn dann auch mit einem Drehbuch voller Logiklöcher und Redundanzen, unterdurchschnittlichen Effekten und einer zügellos chargierenden Besetzung, allen voran ein völlig entfesselter Dieter Laser. Grober Unfug, der aber nie langweilig wird, weil man sich ständig fragt, ob das Gesehene eigentlich ernst gemeint ist, und der sicher in den kommenden Jahren die Videoabende bekiffter Jugendlicher bereichern wird.
Weiter geht’s. Nachdem Dirk M. Jürgens übers Wochenende vorbeigekommen war und reichlich mitgeguckt hat, bin ich erst jetzt wieder zum Schreiben gekommen, nicht zuletzt, weil wir jeweils nach überstandenem Tag bei mir den Fernseher angeknipst und das Festival mit schlimmer Trashware zum Absacken fortgesetzt hatten.
The Nothing Men
Zwei Männer freunden sich miteinander an, nur um festzustellen, dass sich ihre Lebenswege schon einmal auf tragische Weise gekreuzt haben. Schlecht konstruiertes, kammerspielartiges Drama, das erst in der zweiten Hälfte allmählich zu sich findet. Eine in dieser Form banale Geschichte, deren Einsatz auf dem Fantasy Filmfest nur durch ein bisschen vergleichsweise unspektakuläre Gewalt auf den letzten fünf Minuten zu erklären ist.
Gallants
Ein schwächlicher, ungeschickter Angestellter gerät an ein paar alternde Kung-Fu-Recken und schlägt sich auf ihre Seite, als er deren Heimstatt für Spekulanten kassieren soll. Alberne, schräge Komödie mit einem unschlagbaren Shaw-Brothers-Altstar-Cast, die die tragischen Momente der Geschichte mithilfe ihrer sympathischen Figuren überspielt. Auch wenn sich der Film einer konventionellen Dramaturgie verweigert, ist Gallants für Fans des Genres ein sehr gelungener, charmanter Hingucker. Außenstehende dürften freilich weniger damit anfangen können.
Redline
Ein futuristisches Autorennen auf einem anderen Planeten wird zum Spießrutenlauf, weil die Herrscher die Durchführung mit Waffengewalt unterbinden wollen. Mitreißendes Anime voller wilder Ideen, bei dem die Story keine große Rolle spielt und auch nicht viel Sinn ergibt (und ohnehin lässt sich ihr schwer folgen, weil viel zu viel passiert, als dass man den sowieso oft kaum leserlichen Untertiteln folgen könnte). Stattdessen drückt der Film das Gaspedal bis zum Anschlag durch und wird zu einem atemlosen, kinetischen Rausch.
Enter The Void
Das (Nach-) Leben eines aus dem Westen eingewanderten Drogendealers im nächtlichen Tokyo. Ein nie zuvor gesehener, beeindruckender Bilderrausch, der in einer einzigen schwerelosen Kamerafahrt erzählt wird und eine Sogwirkung entwickelt, die einen auch Stunden später nicht loslässt.
(Spoiler-Warnung: Der Trailer macht zwar zu Recht Appetit auf den Film, nimmt aber ein paar wirklich, wirklich gute Gags vorweg.)
Fünf britische Moslems wollen ihren eigenen Jihad auf die Beine stellen. Ihre haarsträubenden Pläne scheitern mehr als einmal an Stümperei, Naivität und explosionsfreudigem Sprengstoff. Präzise beobachtende, finstere Komödie, die sich nicht nur das verquere Weltbild des Islamismus vornimmt, sondern auch an den britischen Sicherheitskräften kein gutes Haar lässt und ganz von ihren blendend gespielten Figuren lebt, die man trotz ihres mörderischen Wahns nur allzu gern als die Helden des Films akzeptiert.
Bẫy Rồng / Clash
Eine Frau übernimmt gezwungenermaßen Aufträge für einen Triadenboss, der ihre Tochter gefangen hält. Vietnamesischer Knall- und Prügelfilm mit weitgehend generischer Räuber-und-Gendarm-Geschichte. Die Kämpfe sind auf sehenswertem Niveau, die Schießereien etwas hausbackener. Fans asiatischen Actionkinos werden einwandfrei bedient und können sich zudem über ein Wiedersehen mit dem bemerkenswerten Leinwandpaar aus The Rebel in den Hauptrollen freuen.
Bedevilled
Eine Frau aus Seoul macht Urlaub auf einer kleinen Insel. Die wenigen Einwohner sind zurückgebliebene Bauern, die eine verschworene, auf Unterdrückung und Misogynie fußende Gemeinschaft bilden. Hartes Drama, das in der zweiten Hälfte zur drastischen Splatterorgie wird. Der Film lohnt aufgrund seiner Schauspieler und der für Südkorea schon beinahe sprichwörtlich versierten Machart, dennoch ist bedenklich, dass er die koreanische Landbevölkerung auf eine Weise schildert, die nur Hass und Verachtung schüren kann.
Harry Brown
Ein Londoner Viertel wird von mörderischen Jugendbanden terrorisiert. Nach einer Reihe von Schicksalsschlägen beschließt ein Rentner, sich eine Waffe zu besorgen und auf eigene Faust hart durchzugreifen. Auf Hauptdarsteller Michael Caine zugeschnittenes Drama, das vorbehaltlos für Folter und Selbstjustiz plädiert. Für zaghafte Zwischentöne sorgt einzig eine ermittelnde Polizeibeamtin Die Handlung von Harry Brown ist im Prinzip identisch mit der des Trash-Klassikers Death Wish 3; während der Erstgenannte der objektiv bessere Film ist, hat das Bronson-Vehikel den Vorteil, dass man aufgrund seiner unfreiwilligen Komik nicht auf die Idee kommt, die fragwürdige Botschaft ernst zu nehmen.
The Loved Ones
Ein Mädchen wird von ihrem gewünschten Prom-Night-Partner abgelehnt und inszeniert daraufhin ihren eigenen Abschlussball – mit allen Mitteln. Teenie-Splatterkomödie, die keine Gefangenen macht und beim bloßen Zusehen so weh tut wie schon lange nichts mehr. Obwohl letztendlich nicht alle Nebenhandlungen und Figuren so zwingend und konsequent zusammen- und zu Ende geführt werden, wie man es sich wünschen würde, ist der Film hochgradig komische Unterhaltung für alle Masochisten und Schadenfrohe.
Symbol
Einen mexikanischern Wrestler erwartet ein harter Tag im Ring. Gleichzeitig versucht ein japanischer Mann aus einem weißen Raum mit zahllosen Penissen an den Wänden zu entkommen. Der Zusammenhang mit dem mexikanischen Handlungsfaden ist dabei so beliebig, dass man sich letzteren eigentlich hätte sparen können (aber offensichtlich ist genau das der Gag an der Sache). Genauso hätte es der One-Man-Show von Komiker (und Regisseur/Drehbuchautor) Hitoshi Matsumoto gut getan, wenn man sie an die Leine genommen und das durchaus amüsante, aber teils quälend langatmig erzählte surreale Theater radikal zusammengekürzt hätte. Dann wären zwar vermutlich nur noch 40 Minuten Film übrig geblieben, aber man müsste auch nicht eine gefühlte Ewigkeit auf das furiose, an Kubricks 2001 erinnernde Finale warten.
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