21. Jan 2013
Neues
Seit ungefähr einem Jahr habe ich vor, Sonderland.org umzugestalten. Alles in neu, besser, bunter, mit Vitaminen und Erdbeerkäse.

Blöderweise ist es bislang bei der Absicht geblieben, denn neben Privatleben und 40+X-Stunden-Woche hatte ich zuletzt kaum noch Zeit, um irgendwas Neues auf die Beine zu stellen, von größeren Umbaumaßnahmen ganz zu schweigen. Deswegen geht die Seite nun in einen mehrmonatigen Winterschlaf, um anschließend frisch aufpoliert wieder ans Licht zu krabbeln. Bis zum 01. Juli (also für die nächsten rund sechs Monate) wird hier nichts passieren.
In der Zwischenzeit bleibt aller Content weiter anguck- und durchlesbar: eine Ladung Kurzfilme (plus 1 Hörspiel), meine fachkundigen Analysen kurioser Flugblätter (mit extra viel Christenverhöhnung), meine Erlebnisse in der Halbwelt der Müll-DVD-Labels (mit Ninjas!), Bilder, Cartoons und Comics und über hundert Filmkritiken.
04. Dez 2012
Bilder

27. Nov 2012
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Batterien nicht enthalten.
Actionfiguren
07. Nov 2012
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Ph’nglui mglw’nafh Kastanihulhu Bochum wgah’nagl fhtagn!
Große Alte, Herbst, Skulpturen
10. Okt 2012
Live
Zum 14. Mal finden sich diesen Monat in Bochum die Freunde des übersehenen und vergessenen deutschen Films zum jährlichen Hochamt der Psychotronik zusammen – dem Festival des deutschen psychotronischen Films. Wieder haben wir einige unbeachtete, nichtsdestowenigertrotz aber erstaunliche Gewächse vom cineastischen Wegesrand gepflückt und gebunden zu einem Blumenstrauß aus Qualität und Irrsinn, Kunst und Quatsch, Geschmack und schlechtem Geschmack. Das Programm liest sich in diesem Jahr wie folgt:
Donnerstag, 25. 10.2012
18.00 Uhr: Feuer an der Ruhr
1957, auf dem Zenit der Wirtschaftswunderzeit entstand eine bis heute wohl einmalige Selbstdarstellung des Ruhrgebiets. Getragen von überschäumendem Optimismus, lange bevor die Kohlekrise auch nur in Sicht geriet, zeigt der Film – ein Mix aus dokumentarischen Aufnahmen und Spielhandlung – den Pott von einem Freitag bis zum folgenden Montag, was uns erlaubt, die Altvorderen am Ende der Arbeitswoche, bei der Erholung von der Maloche, und schließlich Montag früh zu beobachten, wenn dann wieder in die Hände gespuckt wird. Ein faszinierendes Stück filmischer Archäologie und Soziologie.
Zur Einführung spricht Paul Hofmann von der Kinemathek des Ruhrgebiets.
20.00 Uhr: Transfer
In der nahen Zukunft ist es möglich, das menschliche Bewusstsein von einem Körper auf den anderen zu übertragen, wobei die Persönlichkeit des Wirtes medikamentös unterdrückt wird und nur vier Stunden am Tag aktiv ist. Regisseur und Autor Damir Lukacevic erzählt die Geschichte eines alten und eines jungen Paares, welche sich handlungseinig werden, das Ergebnis jedoch sehr schnell bereuen.
22.00 Uhr: Die Klosterschülerinnen

Mit diesem Film lieferte der Report-Veteran Schröder (Schülerreport, diverse Hausfrauenreporte) ein Werk ab, das die Bahnhofskino-Gemeinde eigentlich durch massig nackte junge Maiden, Sexspiele hinter Klostermauern und eine deailierte Illustration der „Verführungsbereitschaft von katholischen Internatsschülerinnen“ (film-dienst) hätte begeistern müssen. Doch inszenierte der Sexspezialist seinen Streifen in einem für das Zielpublikum viel zu „künstlerisch-künstlichen“ Stil, und beschwor eine ziemlich düstere Atmosphäre herauf, die den Film deutlich aus dem Einerlei der 70s-Sexwelle heraushebt, und die Regenmantelträger damals in Scharen die Flucht ergreifen ließ.
„Ein bisschen wie ein Wodka-Rausch nach einem LSD-Trip. Auch gut, aber anders!“ – Cinema Bizarre
Freitag, 26.10.2012
17.30 Uhr: Der Blaue Engel
Zuckmayers Bearbeitung der Vorlage Heinrich Manns, die beispielhafte Inszenierung von Sternbergs und das eindringliche Spiel Jannings und der Dietrich – hier gehen alle Elemente eine chemisch stabile Verbindung ein, die bis heute ihresgleichen sucht. Bonus: die Mitarbeit der Weintraubs Syncopators, die den Blauen Engel zum ersten deutschen Jazzfilm macht.
19.45 Uhr: Sneak Preview
?
Wenn wir einen Film nicht namentlich ankündigen können (wie das halt so ist bei Sneak Previews), ihn aber trotzdem auf den attraktivsten Termin des Festivals packen, sollte sich jeder denken können, dass uns etwas Besonderes ins Haus steht. Zwei oder drei Jahren lang hatten wir versucht, diese geballte Portion filmischen Irrsins an Land zu ziehen, jetzt ist das Werk endlich vollendet und wird noch Monate vor seinem Kinostart bei uns eine Sondervorstellung erleben. Freut euch auf die volle Packung Außerirdische, neue Medien und das Ende der Welt!
22.15 Uhr: Wilder Reiter GmbH
Bei einem Besuch im turbulenten Sixties-München wird das kleine Rädchen einer piefigen bayerischen Provinzzeitung durch Zufall zum Publicity-Manager eines unkonventionellen amerikanischen Popstars. Dieser kann zwar nicht Singen, beherrscht aber wie kein Zweiter die Klaviatur von Hype und Medienrummel. Zuerst begeistert von neuem Job, Leben und Freundeskreis realisiert unser Held langsam aber sicher, dass es sich bei dem “Star” anscheinend um einen Psychopathen handelt. Respektlose Satire, aggressive Komödie, wüstes Drama – die Kritik konnte mit Spiekers einzigartigem Film nur wenig anfangen – Das Festival des deutschen psychotronischen Films dagegen umso mehr – quasi DIE Definition von psychotronischem Kino, endlich wieder im Kino!
Psychotronik
05. Sep 2012
Besprechungen
Okay, die Story: Van Damme bringt Scott Adkins’ Familie um, und dann ist Adkins ein Universal Soldier und erinnert sich nicht an seine Lieben, dann aber doch, und dann gerät er an Dolphs geheimes Camp mit abtrünnigen Universalsoldaten, wozu aber auch Van Damme gehört, der allerdings unter Umständen nur eine Halluzination ist, und irgendwie sind alle gegen die Regierung. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
…was in Dreiteufelsnamen war DAS denn? Da erwartet man einen bodenständigen Männerfilm mit Jean-Claude Van Damme und Dolph Lundgren, und dann sind die beiden nur in Cameos zu sehen, während Scott Adkins („bekannt“ durch Rollen in der dritten Reihe und ein paar schwitzige Actionfilme vom Media-Markt-Wühltisch) der eigentliche Hauptdarsteller ist – und das in einer wirren Geschichte, die darauf verzichtet, irgendwas zu erklären und weitgehend rätselhaft und unverständlich bleibt. Die Story ist aber nicht einfach nur nicht nachvollziehbar, sie löst sich in Situationen auf, die diffuse Reminiszenzen an, kein Witz, Apocalypse Now sind (die Manierismen von van Dammes Figur erinnern an Brandos Colonel Kurtz, mit Maschinengewehren Bewaffnete stehen in einem Fluss und bewachen eine Durchfahrt, und so weiter). Das ist nichts mehr, was man sinnwahrend wiedergeben könnte. Es sieht so aus, als hätte Regisseur John Hyams (der Sohn von Peter Hyams, der schon vor fast 20 Jahren mit Van Damme Timecop gedreht hat) einen trippigen Arthouse-Film machen wollen, sich aber dann und wann doch daran erinnert, dass man ja eigentlich irgendwas mit Rabatz von ihm erwartet. Die Actionszenen brechen entsprechen selten und unvermutet los, sie sind flott und solide inszeniert und knüppel-knüppelhart – da werden in einer Tour Wände mit Gehirnen gestrichen. Das ist hundert Prozent menschenverachtend, das ist das, was ich sehen wollte, und das weiß zu gefallen.
Die Macher hätten also durchaus gekonnt. Sie wollten nur meistens nicht, und präsentieren statt krachledernem Krawall lieber minutenlanges Stroboskop-Geflacker und Van Damme mit kahl rasiertem, bunt bemaltem Schädel. In der Theorie klingt das lässig avantgardistsich, ist in der Praxis aber leider anstrengend und (je nach Uhrzeit) einschläfernd. Ich bin mir deswegen auch aufrichtig unsicher, ob Day of Reckoning nun ein filmisches Zugunglück ist, oder für die meisten Außenstehende nicht mehr nachvollziehbare Individualkunst von gewaltbereiten Kern-Asis. Wenn ich die Intentionen des Autors (die ich ja nun einmal nicht kenne) ausblende, kann ich zumindest dreierlei Dinge festhalten:
1) Der Film ist der seltene Fall einer Produktion, die – einzig und allein wegen der Namen – groß genug ist, um die Aufmerksamkeit eines Publikums zu erregen, gleichzeitig aber so klein, dass die Geldgeber nicht in Panik geraten, wenn der Regisseur dem Anschein nach eine Vorliebe für Stechapfel-Tee entwickelt.
2) Der Film fällt außerdem dadurch aus dem Rahmen, dass er sich seinen Milieu über weite Strecken derart verweigert. Alles an Day of Reckoning schreit B-Movie-Gülle – die Besetzung, das Budget, vierter Teil einer Serie, 3D-Gimmick – und nichtsdestotrotz ist hier die Action nur pflichtschuldiges Extra, während weite Teile des Plots von, mit Verlaub, zusammenhanglosem Unsinn geprägt sind.
3) Der Film ist darüber hinaus ein spektakulärer Etikettenschwindel, denn auf mich wirkt es, als sei erst relativ spät in der Vorbereitung irgendwem eingefallen, dass man problemlos einen Teil fürs Universal-Soldier-Franchise daraus machen könnte. Einfach Van Damme und Lundgren für vielleicht je zwei, drei Drehtage buchen, fertig. Dass der Film nicht nur nichts mit der Story seiner Vorgänger zu tun hat, sondern dieser sogar widerspricht, dass die beiden Stars, mit deren Namen geworben wird, zusammengerechnet vielleicht fünf Minuten im Film auftauchen, dabei nicht irgendwann mal zusammen im Bild sind und sie nur je eine Prügelszene haben – das kann den Produzenten natürlich egal sein, wenn ich erst mal eine Kinokarte gekauft habe.
Das sind drei Punkte, die DoR noch irgendwie interessant machen, allerdings nur auf einer Meta-Ebene. Wer sich auf dieser nicht herumtreibt, nichts analytisch auseinanderpflücken, sondern einfach nur einen unterhaltsamen Kino-Abend möchte, wird bitter enttäuscht.
Eine Beobachtung am Rande noch: es ist bemerkenswert, wie sehr Lundgren und Van Damme den Film (oder zumindest die Szenen, in denen sie auftauchen) aufwerten, zwei Namen immerhin, die jüngeren Kinogängern bestenfalls noch durch The Expendables 2 bekannt sind oder ihnen schlechtestenfalls als Synonyme für abgehalfterte 80er-Trashfilm-Ikonen gelten. Die beiden haben (vielleicht auch, weil der Rest des Streifens dagegen so abfällt) eine erstaunliche Ausstrahlung, und man wünscht ihnen mal wieder Hauptrollen in einem Film, der gerne ausgewogener und nachvollziehbarer sein dürfte, als Day of Reckoning zu sein gewillt ist. Ohne Wertung.
Fantasy Filmfest
03. Sep 2012
Besprechungen
Ein junger Mann gerät in einem alten Tempel an einen weiblichen Geist. Die beiden verlieben sich ineinander, müssen sich aber auseinandersetzen mit einem mächtigen Dämon und einem Geisterjäger, der in seiner Jugend ebenfalls in den Geist verliebt war.
Erstens mal sind Remakes zwar nichts an sich Verdammenswertes, haben aber, dank zahlreicher überflüssiger Neuaufgüsse, die momentan die Kinos überschwemmen, einen miesen Ruf. Darüber hinaus ist es eine blöde Idee, sich ausgerechnet an ein Remake von A Chinese Ghost Story zu wagen, ein 25 Jahre altes Hongkong-Actionmärchen, das sowohl den Kritikern als auch dem einschlägig interessierten Publikum als unschlagbarer Klassiker gilt. Drittens ist das Original einer meiner absoluten Lieblingsfilme, eine Kopie kann mir also fast unmöglich gefallen. Das sind (insbesondere für mich) miese Voraussetzungen für einen gelungenen Kino-Abend.
Tatsächlich macht der Film es einem anfangs leicht, erst einmal skeptisch zu bleiben. Die Eröffnungssequenz soll die (seinerzeit unerwähnt gebliebene) Vorgeschichte des Geisterjägers erzählen, wirkt aber wie eine hektische und verwirrende Zusammenfassung eines Prequels, das es (noch?) nicht gibt und lässt einen zittern – bitte, bitte, bitte versaut es jetzt nicht! Dann aber gibt sich A Chinese Ghost Story 2011 alle Mühe, Anknüpfpunkte an das Original und dessen zwei Fortsetzungen zu liefern: der alte Soundtrack erklingt, und auch optisch wird der Vorlage mit Fischaugen-Objektiven, fliegendem Laub und entfesselten Kamerafahrten reichlich Tribut gezollt. Sogar der Humor des Klassikers schimmert durch.
Ein grundsätzliches Wohlwollen stellt sich also ein, aber wirklich warm werde ich mit den Figuren trotzdem nicht. Shaoqun Yu und Yiefei Liu sind keine schlechten Mimen, aber sie kommen nicht an den Charme und die Chemie heran, die damals Leslie Cheung und Joey Wang versprühten. Der Film mag deswegen in emotionaler Hinsicht etwas kürzer treten, als man sich das wünschen würde, das aber macht er mehr als wett durch die einfallsreichen, mitreißend inszenierten Actionszenen (Regisseur Wilson Yip war auch für die bombastischen Ip-Man-Filme verantwortlich) – man vergesse nicht, dass sich die Trilogie nicht nur durch Herz-Schmerz-Schmalz auszeichnet, sondern auch durch übergeschnappte, überbordende Phantasie, die dem Geschehen einen surrealen Touch gibt, und in der Hinsicht kann A Chinese Ghost Story 2011 souverän mithalten.
Was dieses Remake dann aber endgültig in den grünen Bereich wuchtet: es ist kein Remake. Ja, es gibt ganze Szenen, die sich nicht nur an denen der Vorlage anlehnen, sondern geradezu an ihnen kleben, im Großen und Ganzen aber arbeitet sich A Chinese Ghost Story 2011 alles andere als sklavisch an A Chinese Ghost Story ab (wobei die interessanteste Veränderung die neu eingeführte Dreiecksgeschichte mit dem Geisterjäger ist). Es ist eine weitgehend andere Interpretation der gleichen (Ghost) Story, die selben Zutaten, aber anders zubereitet. A Chinese Ghost Story 2011 ist eigenständiger als A Chinese Ghost Story 3, der damals im Grunde genommen den ersten Teil noch einmal erzählte und sehr viel eher als Remake durchginge. Nicht alles an der neuen Handlung ist so wirklich nachvollziehbar, aber wir reden von einer Filmreihe, in der bereits gegen lebendig gewordene Tempel gekämpft wurde und Leute auf Schwertern durch den Himmel gesurft sind. Da bin ich durchaus bereit, Zugeständnisse zu machen. Und wenn A Chinese Ghost Story 2011 mich, einen tollwütigen Fan des Originals zufriedenstellt, dann sollte das auch bei jedem anderen Menschen in diesem Universum funktionieren. Der Film ist niemals ein zeitgemäßer Ersatz für die Vorlage (und will das zum Glück auch nicht sein), aber ein sehr ordentlicher vierter Teil der Reihe. The Good.
Fantasy Filmfest
03. Sep 2012
Besprechungen
Ein Frauenmörder entführt und tötet eine Mutter. Ihr neunjähriger Sohn verbleibt in seiner Obhut und wächst als sein Assistenz auf. Der Film schildert das Leben der beiden in einem fensterlosen Häuschen mitten im Nirgendwo, und erst als den Killer zehn Jahre später aus heiterem Himmel die Meinung überkommt, der Junge solle es besser haben als er und was aus seinem Leben machen, muss dieser sich entscheiden, ob er das Mädchen, das der tumbe Typ im vorsetzt, umbringen soll, oder ob er gegen seinen Ziehvater aufbegehrt.
Jennifer Lynch (die vor Ort war und optisch eine frappierende Ähnlichkeit mit Gaby Köster aufweist) bewirft das Publikum mit schlecht aufbereiteten Versatzstücke aus den Filmen ihres Vaters. Es gibt diffuse, ohrenschädigende Sounds auf der Tonspur und einen hässlichen Teddy, der immer mal wieder im Hintergrund herumsteht, und in den der Killer eine Kamera eingebaut hat, zu erkennen an den Gegenschüssen in schwarz-weißem Video-Look und mit rotem Rec-Punkt in einer Bildecke. Anders als ihr Vater sieht sich Frau Lynch offenbar außerdem dem aktuellen Horrorkino verpflichtet und zieht sich am Ende noch einen Twist aus dem Arsch, der vorher selbstverständlich keinen Millimeter weit vorbereitet wurde, und dann ist es endlich vorbei.
Nur mal als Richtschnur: normalerweise ist das FFF-Publikum ein wohlwollendes. Wenn da jemand vorbeikommt und seinen Film präsentiert, dann wird frenetisch geklatscht, auch wenn dieser Film nicht gut, sondern nur ganz okay war. Nach Chained war der Applaus verhalten. Wäre Jennifer Lynch nicht die Tochter des Regisseurs von Lost Highway, dann, das kann ich guten Gewissens unterstellen, wäre Chained vielleicht noch wochentags in irgendeinen Mittags- oder Mitternachtsslot gerutscht, aber niemals am Samstag Abend auf dem Prime-Time-Sendeplatz gelandet. Falls man ihn denn überhaupt ins Programm gehievt hätte.
Chained ist davon abhängig, dass man schluckt, dass ein Mensch, einmal als Kind in seinem Willen gebrochen, über zehn Jahre hinweg nicht mal mehr Anstalten macht, zu fliehen oder seinen Peiniger umzubringen. Natascha Kampusch zum Beispiel, die ähnlich lange gefangengehalten wurde, hat auch nach Jahren noch nicht darauf gewartet, dass ihr Entführer es sich anders überlegt, sondern die erstbeste Möglichkeit zur Flucht genutzt. Ich habe dem Film diese Nummer mit ein paar Bauchschmerzen abkaufen können, weil der Junge ein derartig verhuschtes Würstchen ist, aber das macht es nicht besser. Chained, schon von seiner Anlage her eingeschränkt durch die enge Bühne des Killer-Hauses einerseits und die beiden geistig wie emotional zurückgebliebenen Hauptfiguren andererseits, deliriert zwischen absurdem Theater und unfreiwilliger Komik, er kommt im letzten Akt noch mal ein wenig in die Gänge, aber bis dahin ist er einschläfernd lahmarschig – und was er zu sagen hat, passt statt in 80 Minuten auch in ein einziges Bild: das Böse ist banal, es macht sich nach begangenen Morden ein Bier auf und setzt sich vor den Fernseher. Toll. Ich hab den Film irgendwann mittendrin für mich persönlich erträglicher gestaltet, indem ich mir vorgestellt habe, die Hauptdarsteller wären in Wirklichkeit Robert Pattinson und William Shatner, aber das ist ein letzter Rückzugspunkt, der vermutlich nur für mich funktioniert. The Bad.
Fantasy Filmfest
01. Sep 2012
Besprechungen
Ein ältlicher Kroate im Cowboy-Look knallt einen Tankwart ab, im Auftrag eines schmierigen Barbesitzers. Dieser belohnt seinen Handlanger mit Geld und einem Beutelchen Koks. Als der Cowboy dieses auf der Weiterfahrt konsumieren will, überfährt er versehentlich einen Jüngling, der einer Autopanne wegen am Straßenrand steht. Aus Gründen, die sich mir nicht ganz erschließen, begibt sich der Cowboy anschließend zum in Sichtweite befindlichen Haus des Unfallopfers, in dem dessen Freundin wartet.
Ich geb’s zu: obwohl gerade ich es eigentlich besser wissen müsste, habe ich mich von dem oben zu sehenden, ziemlich lässigen Trailer locken lassen. Und da ich mich eine Stunde später nicht über die vergeudeten neun Euro Eintritt geärgert habe, sondern einfach nur froh war, das Kino eine Viertelstunde vor Schluss verlassen zu haben, muss ich den Trailer-Cutter umso mehr loben, denn dieser kleine Clip vermittelt eine Atmosphäre, die Crawl nicht eine Sekunde lang hat. Immerhin ist der Trailer so ehrlich, keine Geschichte zu behaupten, denn die erzählt der Film tatsächlich nicht. Ja, da passieren so nach und nach verschiedene Dinge, aber die entwickeln sich planlos, zufällig und zusammenhanglos, und nicht aufeinander aufbauend, so wie ich das von einer dramatischen Struktur erwarten würde. Zwischendurch gibt es zum Beispiel eine Szene, in der der Barbesitzer eine bei ihm verschuldete Thekenkraft auf allen Vieren zu sich kriechen lässt und ihr dann den nackten Arsch verhaut. Relevanz für die Handlung hat das exakt gar keine, aber zumindest, das war wohl die Idee, hat man ein bisschen nackte Haut im Film und eine Rechtfertigung für den Titel.
Aber vielleicht war der auch anders gemeint: Crawl kriecht. Er ist so langsam, dass man eigentlich jederzeit damit rechnet, dass gleich das Bild einfriert und der Film dann rückwärts läuft. Das ist aber nicht, wie der Trailer suggeriert, cool, sondern, nun ja, langsam halt. Das, was der Film in den sechzig Minuten erzählt, die ich gesehen habe, würde ein minimal begabter Filmemacher auch in zwanzig schaffen. Regie- und Drehbuch-Neuling Paul China aber lässt immer wieder durchblitzen, dass es ihm dafür an Talent mangelt. Sein Film verstolpert sich ständig mit idiotischen Spannungs-Standards wie der Frage, ob vielleicht jemand im Haus ist und hinter einer Tür lauert – zwei Mal. Mit der selben Tür. Auch aus seinen Schauspielern holt er nichts raus. Die stehen meistens nur rum und stieren angestrengt geradeaus. Längere Dialoge gibt es fast keine, aber für die wären die beteiligten Knalltüten sowieso zu lethargisch. Ich gehe davon aus, dass der Darsteller des kroatischen Cowboys noch während des Drehs verstorben ist und sie dann mit seiner ausgestopften Leiche weitergearbeitet haben.
Ich frage mich mich manchmal, wie solche Filme wohl zustande kommen, und in diesem Fall vermute ich, dass es da einfach diese drei Handlungsorte gab – die Tanke, die Bar, das Haus – und genug Kohle für ein paar Drehtage vorhanden war, und dann hat man halt einfach mal geguckt, ob man 75 Minuten zusammenbekommt. Oder, auch das möchte ich nicht ausschließen, der Regisseur stand auf die oben erwähnte Bardame, und Crawl war ein Vorwand, um sie mal untenrum nackt zu sehen. Das würde immerhin nicht nur diese eine Szene erklären, sondern gleich den ganzen Film.
Rausgegangen bin ich übrigens, als der Barbesitzer in einen Schokoladenkuchen latscht, der ein paar Szenen vorher auf einer Türschwelle abgestellt wurde. Minutenlang ist klar, was da für ein Spitzenwitz über uns hinwegrollen wird, und dann kommt er auch irgendwann. So isser, der Crawl. The Bad.
Fantasy Filmfest
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